verankert

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Er schaute mich begeistert an. „Und was hat Dir besonders gefallen, welches Werk?“, fragte ich Juergen gestern. Denn er war am Tage vorher an der Kunstakademie Münster zum jährlichen Atelierrundgang gewesen.

Das sei die falsche Frage, sagte er mir sogleich. Denn die könne er ja nicht beantworten. Er könne aber etwas zu den Zusammenhängen sagen, die ihm ins Auge gesprungen seien, bei den vielen Experimenten und in denen er sich mit seiner eigenen Arbeitsweise auch wiedergefunden habe:

  1. das Material „Papier“: überall in den Räumen und auf den Gängen habe er die Nähe zum Papier gespürt, insbesondere durch die vielen Fotokopien und großformatigen Papierabzügen. Oder in den kleinen Zeichnungen.
  2. das Fragmentarische: durchgängig habe er das gesehen, in der Malerei, bei den Objekten, den Installationen, bruchstückhaft, unfertig, aber dennoch fertig, unvollendet, um im Kopf dann vollendet zu werden.
  3. die Ästhetik der Reste: gerade die Abfallstücke, die Überbleibsel, der Verschnitt seien ins Szene gesetzt worden. Wunderbar!
  4. Und damit korrespondiere: Jedes Material sei verwendbar. Alles könne zum Gegenstand der Bearbeitung werden. Nochmal wunderbar!
  5. die Präsentationsformen: ein wahnsinniger Einfallsreichtum an Formen wie man Werke präsentieren könne sei ihm ins Auge gesprungen. Vieles führe von der Zweidimensionalität an der Wand hinein in den Raum – ein Ansatz, der ihm gefalle.

„Warum fährst Du eigentlich zu einem solchen Atelierrundgang?“, habe ich nachgefragt. „Das ist einfach“, sagte Juergen. Er fühle sich in seiner Art zu arbeiten bisweilen  unsicher, und da er sich dem Wahnsinn des Ausstellungsbetriebes verweigere, sei er auch ein wenig isoliert. So ein Besuch diene der Selbstvergewisserung und liefere Antworten auf die Frage, ob er noch ästhetisch verankert sei und seine Art kreativ zu agieren nicht ein Inselleben führe. Und zu Schauen und damit zu lernen, gerade von den Jungen, gebe es schließlich immer etwas.

Buchalov

man sieht, was man sehen will

IMG_2354Über den Atelierrundgang in Düsseldorf von letzter Woche möchte ich nicht reden. Das sieht Juergen auch so.

Über den Atelierrundgang an der Kunstakademie in Münster gestern gäbe es vieles zu sagen: positives, positives. Juergen hat heute schon begonnen in sich hineinzuhorchen, um herauszufinden, was da besonders wirkt und warum er so positiv angetan war. Hier ein Link: >>> [ … ] <<<

Es hat uns dort wirklich gut gefallen. Klar: man sieht, was man sehen will – wie Juergen immer sagt. Aber das bedeutet ja auch, das man sich an solchen Orten in der Flut von Bildern und Objekten und Präsentationsformen auch wiederfindet. Und nicht verloren geht.

Buchalov

Der Eine so, der Andere so!

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Der Eine so, der Andere so. Juergen jedenfalls war sehr angetan vom Akademierundgang in Düsseldorf. Aber im Atelier gab es auch andere Stimmen, die mehr als enttäuscht waren als sie darüber sprachen.

Juergen meinte, dass er seine Eindrücke mit denen vom Rundgang in Münster dieses Jahr verglichen habe, und dass bei ihm auch die Ergebnisse der letzten Jahre in Düsseldorf eine große Rolle spielen würden. Und die seien wirklich nicht toll gewesen.

Die „Baumarktbildhauerei“ habe er jetzt nur noch sporadisch gesehen, die Materialien seien „edler“ geworden und die gezeigte Formenvielfalt habe ihm schon mehr zugesagt. Und die technische Perfektion sei wieder deutlich erkennbar gewesen.

Auch die Malerei habe ihn stärker angesprungen, was in Münster nicht der Fall gewesen sei. Insbesondere die Brandl-Klasse und die von Anzinger seien in Düsseldorf für ihn schon mit Wucht dahergekommen.

Und die Fotografie sei tot. Da gebe es keinen Zweifel. Wo früher die Fotografen ihre Werke zeigten, schaue man, so Juergen, jetzt in leere Räume.

Überhaupt sei – wie in Münster – eine deutlich große Sorgfalt zu spüren, wenn es um die Präsentation der Werke gehe. Das habe ihn auch in Düsseldorf sehr überzeugt und es war inspirierend.

Und was ihn besonders gefreut habe: an dieser und jener Stelle seien Holzschnitte aufgetaucht. Diese Technik, die er so liebe, finde offenbar ab und an doch wieder Interesse bei den Studierenden. Das gebe Hoffnung.

Ansonsten bat er mich, die Bilder sprechen zu lassen.

Buchalov

Atelierrundgang

Für mich ist er ein Muss. Weil inspirierend. Und weil man sehen kann, wo man sich selbst in der aktuellen Kunst wiederfindet. Oder andere Ähnliches produzieren.

Eröffnet wurde der Atelierrundgang der Kunstakademie Düsseldorf am Mittwoch um 11 Uhr. Ich betrat das Gebäude um 12 Uhr und wurde mit Menschenmassen konfrontiert – Schüler waren in Bussen herangekarrt worden – in die ich mich erst einmal eingliedern musste. Der Sicherheitsdienst hatte zu tun.

Und gleich vorweg: die Modellbauer – einfach toll. Diese Miniaturen, diese Perfektion, dieser Ideenreichtum – ein echter Knaller. So etwas kann ich gut sehen und mich darin ergehen. Klasse! Die Bildhauerei ist ebenfalls allgegenwärtig und ein echter Gewinn. Vorbei die Zeiten der Baumarktästhetik und des so offenkundig Improvisierten. Ihr Ideenreichtum ist immens, die technische Perfektion und das handwerkliche Können einfach Klasse. Auch Zeichnungen kommen wieder, Gott sei dank, in Form von vielen offengelegten Skizzen oder als Sammlung von gerahmten Einzelzeichnungen im vom Betrachter zu entdeckenden inhaltlichen Kontext.

Die Malerei zeigt sich quantitativ – sie ist in Fülle präsent, aber ohne wirkliche Hinweise auf zukünftige Tendenzen. Sehr beliebig, sehr mainstreamig – keine Highlights, alles irgendwie schon einmal gesehen.

Videoarbeiten waren vereinzelt zu sehen und in einem Raum gebündelt. Nett. Aber wenig inspirierend – bis auf diese tolle Projektionskontruktion in welchem Raum auch immer. Und  die Druckgrafik? Fehlanzeige. Die Fotografie? Rudimentär.

Und das Florale? Kein Thema  an dieser Kunstakademie. In zwei Räumen entdeckte ich Blumen als schmückendes Beiwerk und auf dem Flur ein großformatiges Blumenbild. Das wars.

Und der Zugwinn für mich selbst? Darüber denke ich momentan nach und mit Boris dem Maler wird sicher in den nächsten Tagen dazu gefachsimpelt werden.

Juergen

Atelierrundgang

Boris rief mich an und schlug vor, zur Kunstakademie nach Düsseldorf zu fahren. Dort ist die ganze Woche über der jährliche Atelierrundgang. Vor Ort haben wir uns dann aber getrennt.

Man schaut bei einer solchen Überfülle von Kunst in den einzelnen Ateliers immer subjetiv und selektiv. Das ist ganz natürlich.

Die Malerei ist in diesem Jahr dominant und die Studenten spiegeln stilistisch ihre Lehrer wieder. Wenn man die Liste der Professoren liest, kann man vor Bewunderung erblassen: Cragg, Trockel, Anzinger, Gursky, Doig, Schütz, Grünbein, Tal R und und und. Nur selten sind stilistisch ganz eigenständige Werke zu sehen.

Die Gegenständlichkeit dominiert, doch die Abstraktion gewinnt an Boden, meist Konzeptkunst. Malerei wird bisweilen mit Video gemischt. Druckgrafisches kommt nicht mehr vor. Diese Richtung ist wie vom Erdboden verschluckt. Die Bühnenbildner faszinieren mit tollen Modellen und einer großen Lebendigkeit. Dies gilt ebenso für die Baukunst.

Zeichnungen als eigenständige Form fehlen, als Skizzen lockern sie die Ausstellungskonzepte auf.

Seitdem Cragg Rektor ist, nimmt die Bildhauerei immer mehr Platz ein. Die „Baumarktästhetik“ mit Dachlatten und Regips wird weniger. Als Material wird zunehmend alles, was verwendbar ist, auch verwendet.

Buchalov