Die vagabundierenden Kriterien

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Heute habe ich Juergen mal wieder dabei „erwischt,“ dass er in seinem kleinen Sessel vor der Wand im Atelier „Zelle k5“saß und schaute. Manchmal umkreist er auch seinen Tisch, auf dem dann einige der Werke liegen, zum Beispiel diese ur- alte Radierung, und schaut und schaut. Er sei dann immer dabei herauszufinden, was er sehe, ob es trage, ob die Bilder stark seien, welche Bedeutung sie transportieren würden, ob sich Absichten und Ergebnis decken würden. So was halt.

Er habe natürlich Kriterien im Kopf darüber, was ihm zusage, was nicht. Das Problem sei, dass diese Kriterien sich im Laufe der Zeit immer wieder ändern würden – vagabundierende Kriterien halt.

Buchalov

erneut …

IMG_1020Ich kam rein, ins „Rosa Zimmer“, heute morgen, und sah Juergen gebeugt über seinem Tisch stehen, mit dem Rücken zu mir. „Ich werde jetzt ein Bild davon machen“, sagte er „und du kannst es veröffentlichen und damit ist es fertig. Ein gutes Werk, wie ich finde!“

Und schon waren wir erneut in der Diskussion über das, was Kunst ist, was schön ist und was der Zufall so alles bewirkt.

Buchalov

Schlüsselgedanke

„Ich habe was für dich“, sagte Rudolf der Bildhauer und gab Juergen ein Buch über HAP Grieshaber, leihweise. Und Juergen rief mich am Tag darauf an und erzählte mir dann, dass er daraufhin seine alten Bücher über Grieshaber ausgekramt und dies bei ihm zudem eine Recherche im Internet ausgelöst habe, mit dem Ergebnis der totalen Faszination und Antworten auf Fragen.

Juergen ist ja schon lange unterwegs mit dem Thema Engel. Er sucht nach Antworten, will den Hipe um dieses Thema begreifen und findet das Kitschige daran ausgesprochen ärgerlich. Und nun ist er bei HAP Grieshaber auf dessen thematische Linie „Engel der Geschichte“ gestoßen und findet es faszinierened wie dieser schon in den Fünfzigern einen Weg gefunden hat das Motiv „Engel“ mit dem tatsächlichen Leben ohne Kitsch zu verbinden. Dies, so meinte er, solle man eigentlich fortführen. Er will sich einen Weg überlegen, nachdenken, planen. Vielleicht sei dies auch etwas für Susanne Haun.

Und überhaupt ist HAP Grieshaber, so Juergen, wohl jemand, der von sich behauptet, die Welt verändern zu wollen, aber gleichzeitig ohne Bitternis wahrnimmt, dass ihm dies nicht gelingen kann, und dass er eigentlich nur seine eigene Welt im Kreativen, im Kleinen, im Persönlichen schafft. Aber dies genügt ihm. Und dennoch hält er in seinem Werk an den Bezügen zum realen Leben fest und ist gesellschaftlich verankert, engagiert, den brennenden Themen der Gesellschaft auf der Spur. Juergen knüpft hier an sein Thema „Wirkung und Veränderung von und durch Kunst“ an.

Das ist jetzt, so sagt Juergen, schon das zweite Mal, dass ihm in den letzten Tagen ein Schlüsselgedanke über den Weg gelaufen ist. Und sein Interesse am Holzschnitt und einer zeitgemässen Umsetzung noch verstärkt, auch wenn die Ästhetik Grieshabers nicht seine Ästhetik ist und die Bildsprache der Fünfziger und Sechziger wiedergibt. Aber dieses Künstlerleben Grieshabers sei schon faszinierend.

Buchalov

der letzte Dreck

Juergen hatte zu einem kleinen Frühstück in Zelle k4 geladen. Boris der Maler kam, Rudolf der Bildhauer war verhindert. Auch ich war da.

Und sogleich waren sie wieder im Thema: Was ist gute Kunst?.

Juergen erzählte von dem Sammler, der nur solche Bilder kaufte, die nicht wie Kunst daherkämen, die absolut schräg wirkten, die wie der letzte Dreck aussahen. Mit der Zeit allerdings würden die wirklich guten Bilder eine Kraft entwickeln, sich gegen die anderen Bilder behaupten, Bestand haben. Diese Kraft sei die Stärke der Bilder. Was diese Kraft genau sei, konnte er aber nicht sagen.

Und schon gingen die Spekulationen los. Juergen bat mich, dass mal im Blog zu thematisieren. Na ja, Kraft, ich weiß nicht. Irgendwie diffus.

Buchalov