Eden – Blogparade: Kontinuität

Über Eden reden, über das Paradies reden, bedeutet auch immer, dass man über die Vergänglichkeit redet. Die Unsterblichkeit wird in einem solchen Zusammenhang zum Thema.

Wir saßen vor dem Rechner in „Zellek4“ und sahen uns Jürgens neuestes Video an. Es soll auch auf der Ausstellung „flowers gone“ in der Galerie „artedos“ in Kempen gezeigt werden. Und Sevina, die Filmemacherin meinte, sie hat uns nach langer Zeit mal wieder besucht, dass er mit diesem Film die Bücke zwischen den beiden Projekten „flowers gone“ und „EdenZwo“ geschlagen habe.

Das freute Juergen, denn ihm ist an Kontinuität, ästhetischer und thematischer, sehr gelegen.

Und sie fragte auch, wie die Blogparade „Eden“ laufe und Juergen sagte : „Na ja, geht so! Könnte ein Flop werden.“

Buchalov

verpacken um zu verpacken

Von Sevina hatte ich lange nichts gehört. Sevina ist Filmemacherin und viel unterwegs – berufsbedingt.

Gestern traf ich sie in Lobberich, im Krankenhaus. Sie sagte, sie beschäftige sich momentan stark mit dem Thema „Tod“. Der rücke nahe an sie heran. Auch morgen sei wieder eine Beerdigung von einem entfernten Verwandten. Und überhaupt seien dieses Jahr so viele in ihrem Bekanntenkreis gestorben. Sie müsse das filmisch verpacken, um es zu verpacken. Deshalb gehe sie auf Friedhöfe und in Krankenhäuser. Mit der Kamera.

Buchalov

Und dann erscheint das Schiff

Sevina, die Filmemacherin, hatte mich eingeladen, ins Aaltho-Theater, zu „Madam Butterfly“.

Der erste Akt konnte nicht überzeugen: in dem Versuch Puccini in einer modernen Form auf die Bühne zu bringen, wirkte die Lokalität doch zu gestellt, der Ablauf zu holprig, der inhaltlische Ablauf  für mich nicht logisch.

Der zweite und dritte Akt aber konnten voll überzeugen: eine ideenreiche Inszenierung mit sehr starken Bildern. Ich habe noch nie einen Transportcontainer so eindrucksvoll musikalisch lieblich untermalt in Bewegung gesehen. Die Amerikanisierung der Welt von Butterfly war brutal direkt. Und der Selbstmord im Beisein des eigenen Kindes, das anschließend Butterflys Messer aufgriff, lies einem den Atem stocken. Das Ganze war untermauert mit einer von Soltez grandios dirigierten Musik und sehr gutem Gesang.

So mag ich Oper, so ist sie modern, so ist die Brücke zwischen Dokumententreue und Zeitgemässheit geschlagen.

Und wenn es um die Hoffnung und Treue als menschliche Grundthemen geht, finde ich auch folgende Sätze von „Cio-cio-san“ sehr schön:“ Eines schönen Tages sehen wir einen Streifen Rauch aufsteigen am äußeren Rand des Meeres. Und dann erscheint das Schiff. Dann läuft das weiße Schiff in den Hafen ein, donnert sein Salut. Siehst Du?. Er ist gekommen!…“

Sevina darf mich wieder einladen. Ich würde mich echt freuen.

Buchalov

mir war langweilig

Diesmal Sevina und nicht Salomon: Sie hatte mich zum Opernbesuch ins Aaltotheater in Essen eingeladen: Bellinis „I CAPULETI E I MONTECCHI (Romeo und Julia). Es ging um  Liebe und Tod, Grundthemen der Existenz. Im Programmheft stand: „Liebe ist auf den Gipfeln der Ekstase Berührung mit der Ekstase des Todes.“ Na ja!

Sevina war begeistert: sie mag Opern, die dokumententreu aufgeführt werden und wo man sich nur auf das Instrumentale und die Stimmen konzentriert – keine Bühnenhandlung. Und sie mag den süßlichen Gesang des Belcanto.

Ich habe neue Begriffe gelernt: „Belcanto“ und „konzertante Form“. Und „Hosenrolle“.

Aber: Mir war langweilig.

Buchalov.

Restrisiko

Wirklich, wir leben in finsteren Zeiten. Bert Brecht lässt grüssen: „an die Nachgeborenen“.

Günter Grass nannte vorgestern auf der Veranstaltung in Straelen, nach seinem Lieblingswort befragt, das Wort „Restrisiko“. Das war wohl eher kritisch – verzeifelt gemeint.

Deutlich wird daran einmal, welche Wirkung Wort haben: wie sie eingesetzt werden und wurden, um uns einzulullen, um uns zu umnebeln bei der Verlautbarung schlimmer Nachrichten oder von Sachverhalte. Deutlich wird, wie funktional das Wort ist, wie dehnbar in seiner Bedeutung und wie genau wir hinhören und hinschauen müssen, um seinen Gehalt zu erfassen und uns nicht bevormunden zu lassen. Das gilt für alle diese Worte.

Und das Wort „Restrisiko“ gibt in seiner Nennung durch Grass wieder, dass er am wichtigsten Thema der letzten Tage betroffen teilnimmt. Es stockt einem der Atem, bei dem Umfang an Elend, Trauer, Verzweiflung und Leiden, gepaart mit unvorstellbarer Hoffnungslosigkeit, das in Japan so schicksalshaft und gleichzeitig von Menschen erzeugt zu Tage tritt.

Ich kann momentan nicht zur Tagesordnung übergehen. Ich kann eigentlich nicht wie immer meinen Blog schreiben, Kunst machen und mich über Kunsttheoretisches austauschen. Der Rückzug in die Garage bringt auch nichts.

Ich verdaue momentan. Ich versuche zu verdauen, was da geschieht. Und versuche gleichzeitig normal weiter zu machen.

Sevina meint, dass dies in den Köpfen von uns allen eine Umdenken bewirken wird. Dass wir danach nicht mehr akzeptieren können, das Wachstum die Leitgröße ist, das technischer Fortschritt immer so weiter gehen könnte, dass wir ungehemmt verbrauen können. Sie hofft auf eine Bewußtseinsänderung, langsam aber stetig, ausgelöst durch die Wahrnehmung „dieser finsteren Zeiten“.

Buchalov

Sevina

Das ist Sevina. Sie will nicht erkannt werden.

Sevina stand gestern vor meiner Garage, mit ihrer Handycam und sagte, sie mache Filme – so nebenbei. Sie habe von mir und meiner Maschine in der Garage gehört und würde gerne ein paar Aufnahmen machen, falls ich erlauben würde. Ich erlaubte.

Warum ich das tat? Na ja, sie war mir einfach symphatisch und ihre Kamera ist ja auch eine Maschine, eine die Sehnsüchte festhält, flüchtig zwar, aber wiederholbar. Und die, die sie bedient, nutzt dieses Maschinchen um ihre persönlichen Sehnsüchte in Bildern festzuhalten. Das finde ich gut.

Bei meiner Maschine in der Garage und der Sehnsucht ist das aber anders: die Maschine selbst, die Jürgen so schön in seinem Film festgehalten hat, ist schon die Sehnsucht. Das, was in mir wühlte, hat sich in ihr schon materialisiert. Ich baue sie jetzt nur aus – die Maschine. Die Sehnsucht.

Buchalov