Bewußtsein

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„Bewußtsein, sich der Dinge bewußt sein.“

Das war das Thema als ich zufällig vorbeikam und „Hermann, den Vernetzer“ mit Juergen sah. In Zelle k5. Juergen pflegte mal wieder seinen Hang zum Monologisieren. Aber „Hermann, der Vernetzer“ klinkte sich geschickt immer wieder ein, so dass sie beide tatsächlich gemeinsam gedanklich und kommunikativ vorankamen.

Und das war der Weg:

Sie waren sich beide bewußt, dass ihre Art zu denken und zu agieren innerhalb der Ateliergemeinschaft eine Sonderstellung einnimmt.

Sie waren beide beseelt von dem Gedanken, dass der Tod im Inneren des Menschen schon im Hier und Jetzt in einem angelegt ist und nicht nur die abschließende Phase im menschlichen Leben darstellt, sondern das Leben jetzt schon bereichert.

Sie machten sich beide zudem bewußt Gedanken über ihrer beider Mitgliedschaft bei „crossart international“ und welche Auswirkungen es wohl auf ihre Aktivitäten haben könne.

Selbstbewußt, aber auch kritisch, reflektierten sie ihren momentanen künstlerischen Entwicklungsstand und die Ergebnisse ihrer aktuellen kreativen Arbeit.

Beide nahmen sie die Einzigartigkeit des anderen anhand der Werke und deren Präsentation in ihren beiden Atelierräumen wahr.

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Und wie  der es Zufall will, finde ich beim Blättern in Juergens Unterlagen folgende Notiz von 2013:

Im Kopf beginnt es. Was wir über die Dinge denken, bestimmt unser Handeln.

Sich öffnen beginnt im Kopf. Ängste beginnen im Kopf.

Bewusstsein ist der Zustand des sich bewusst werdens über dasLeben

Buchalov

und dann das: tauschen

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Eine kleine Diskussion hat das Klaus Harth genannt, was da zum Thema tauschen vor einiger Zeit geschrieben wurde. Seit Tagen schleicht Juergen jetzt durchs Atelier „Zelle k5“ und grummelt zum Thema vor sich hin. Und heute morgen dann das:

Begonnen habe es ja ursprünglich mit dem Tausch. Menschen hätten Gegenstände den Besitzer wechseln lassen und getauscht. Und dann sei das Geld als Mittel der Erleichterung des Tauschs verwendet worden. Aber immer schon sei es um den Wert der Tauschgegenstände und ihre Gleichwertigkeit gegangen. Das Geld, in welcher Form auch immer habe das nur erleichtert. Mit der Verwendung des Geldes habe sich das Verfahren vereinfachen lassen. So habe er das mal gelernt, sagte Juergen.

Sich über Fragen und mögliche Antworten den Dingen annähern, das mag Juergen. Frage mich was, hat er mich aufgefordert. Und ich:

Muss/kann Tauschen heute generell oder punktuell funktionieren? Natürlich könne Tauschen punktuell funktionieren. Mehr aber auch nicht. Eine Generalisierung des Tauschverfahrens sei bei den starken Strukturen des momentanen Geldwertewandels nicht möglich. Tauschen sei auch als „Geldersatzverfahren“ nicht in den Köpfen verankert. Da sei er realistisch. So Juergen

Und ich: Welchen Sinn macht die Einführung von Kunstgeld? Das laufe alles unter „Spielen“, meinte Juergen. Denn aus der reellen, monetären Welt sei zur Zeit nur ein gedanklicher Ausstieg möglich, oder? Also sei es doch ein schöner Gedanke, sein eigenes Geld zu entwerfen , sein eigenes Geld zu drucken und zu begreifen wie das so funktioniert. Und ob sich jemand findet, der dabei mitmache und dieses Geld auch noch als Zahlungsmittel akzeptiere, sei eine verlockende Erwartung, nach dem Prinzip: komm lass uns spielen.

Und ich: Wird durch Tauschen die Umwandlung des Werkes in einen anderen materiellen Wert vereinfacht? Nein, auf keinen Fall, sagte Juergen. Im Tausch wird alles komplizierter. Man muss einen Tauschpartner finden, der sich auf den Ausstieg aus dem bisherigen System einläßt, was schon schwer genug ist. Und man muss seinen Tauschwert kommunikativ abgleichen, die Ernsthaftigkeit des Verfahrens deutlich machen, mit dem Gegenüber auf Augenhöhe verhandeln, der Versuchung nicht erliegen, ihn  zu übervorteilen, und und und

Ich: Ist Tauschen eine Alternative zum Verkaufen oder eine Ergänzung? Juergen: Tauschen kann nur eine Ergänzung zum Verkaufen der Kunstwerke sein. Alle ticken so, alle: kaufen und verkaufen. Wer verkaufe, sei wer. Wer verkaufen könne, produziere „gute“ Kunst und sei als Künstler anerkannt. Nur so habe man das Gefühl wertemässig auf der sicheren Seite zu sein. Und die Gewohnheiten seien eben so. Das System funktioniere so und er könne nicht erkennen, dass sich das in absehbarer Zeit ändern werde.

Und ich, zum Abschluss: Wie funktioniert eine Ausstellung als reine Tauschbörse? Und wie läßt sie sich realisieren? Macht sie Sinn?  Das wäre mal ein Versuchsballon, den man starten könne, meinte Juergen. Als Versuch, um Erfahrungen zu machen und sie zu reflektieren, mache  es Sinn. Er glaube, dass es so etwas auch schon einmal im Saarbrücker – Raum gegeben habe. Von einer Galerie organisiert. Aber zu der Art und Weise wie man das organisieren könne, falle ihm im Momentan nichts ein.

Buchalov

 

 

Martin erhält eine Antwort

IMG_6693Martin veröffentlichte in seinem Blog „rumgekritzelt“ einen Blogbeitrag:   >>> […] Jeder Mensch ist ein Künstler …

Und der zündete bei Juergen. Und Juergen schrieb:

Lieber Martin:
Ich wollte mir ja mal ein paar Gedanken, über die dann wieder dialogisch zu streiten wäre, zu Deinem Blogbeitrag machen. Hier sind sie.

Eins lassen wir mal außen vor: warum Menschen kreativ unterwegs sind und warum sie Kunst erzeugen. Denn das ist so vielfältig und mannigfaltig begründbar und komplex, dass es von daher nicht genau fassbar ist.

Aber es gibt Ergebnisse des künstlerischen Schaffens. Solange die Werke in den eignen vier Wänden verbleiben, stehen sich Erzeuger und Werk gegenüber und entwickeln bestenfalls einen Dialog darüber, was da geschehen ist und nun als Ergebnis vorliegt. So weit so gut.

Schwierig wird es nun, wenn diese Werke der Öffentlichkeit präsentiert werden. Der private Raum wird verlassen, die öffentliche Bühne wird betreten, der Zuschauer und Betrachter kommt uns Spiel. Und hier ist Deine Frage durchaus berechtigt: warum soll man sich das Anschauen? Gibt es ein Anliegen, das dieses Anschauen rechtfertigt?

Es gibt edle Motive, es gibt soziologische, soziale, emotionale Gründe, es gibt den Aspekt, das Kunst reine Unterhaltung ist, dass Kunst kann Ware sei, dass sie uns die Welt erklären kann und so weiter.

Ich glaube aber auch, das der oder die, die ihre Werke öffentlich machen, wollen, dass sie angeschaut werden, wollen, das man sie bemerkt, wollen, das sie wirken. Denn das ist gut für das Ego und die persönlichen Eitelkeiten. Das stärkt das Selbstwertgefühl. Das tut gut. Es wäre aber auch gut für ein Anliegen, welcher Art auch immer: einer Botschaft, eine politische Aussage, einem psychohygienischen Effekt, einem Hinweis, einer Irritation, einer Besonderheit, einer Störung, die nach Lösung verlangt und und und.

Und der Kunstschaffende ist nun in der der Verantwortung. Nur das eigene Selbstwergefühl zu bedienen reicht nämlich nicht. Er oder sie hat zu berücksichtigen, dass es den Betrachter gibt. Er muss ihn wertschätzen und ihm nicht egomansich etwas Neues zum Betrachten vorsetzen, ohne seine Befindlichkeiten zu berücksichtigen und nur die eigenen zu bedienen. Er hat eine genaue Auswahl der Werke zu treffen, die nun seinen privaten Raum verlassen werden, er hat genau abzuwägen, was er zeigen will, was er präsentieren will, denn der Betrachter ist jetzt sein Gegenüber, nicht mehr das Werk alleine im Atelier oder diese auf sich selbst bezogene Herstellungsprozess. Nein, jetzt geht es um Verantwortung, um die Verpflichtung so zu präsentieren, dass das Gegenüber ernst genommen wird, sich auf den Weg machen kann und herauszufinden versucht, was da eigentlich in diesem Werk vor ihm lauert.

Und der Betrachter spürt, dass der Präsentierende sich die Mühe der Auswahl gemacht hat, dass da nicht beliebig gezeigt wird, was nur bezogen ist auf das Selbst des Künstlers, sondern bezogen auf den Betrachter. Es geht um Dialog auf Augenhöhe, mit dem Werk, mit dem Künstler, mit dem Betrachter. „Und darum sollst Du Dir das anschauen, weil ich mir die Mühe gemacht habe, es für dich in einer bestimmten Form und Absicht zu präsentieren. Und ich weiss um das, was mich da antreibt.“

Und vielleicht hast Du in letzter Zeit Werke gesehen, die diesem Anspruch nicht genügen. Vielleicht wurdest Du mit Künstlern konfrontiert, die dieses Bewusstsein nicht haben.

LG Juergen

Buchalov