XYZ – Woche: Man hebt nie so einfach ein Fundstück vom Boden auf!

IMG_9770

Es gibt immer Gründe. Immer einen Anlass. Immer irgendetwas, das einen zu einem bestimmten Handlungsschritt veranlasst. Das gilt auch für die Auswahl von Fundstücken.

In der XYZ – Woche hat Juergen ein Fundstück aus seinem Vorgarten zum zentralen Thema erklärt. Wie es dazu kam gibt seine Gesprächsnotiz wieder:

Gespräch am Frühstückstisch, 24-05-2019, mit M.:
Ist das Müll? Nein, das ist ein Fundstück!
Was ist ein Fundstück? Etwas, das ich gefunden und aufgehoben habe.
Aber es gibt doch so viel Müll? Genau, es gibt wohl Gründe warum ich genau das aufgehoben habe.
Und welche? Ich habe es schon seit Tagen aus den Augenwinkeln im Garten liegen sehen, ohne genau zu wissen, was es ist. Und als ich es dann in Händen hielt, fand ich die graue Farbe gut, die aber nicht gleichmässig über das Röhrchen verteilt ist. Und was wie eine Hülse aussah, ist eigentlich ein gerolltes Stück Papier oder Pappe, an den Enden wieder ganz unterschiedlich. Und dann fragte ich mich, wozu es dient. Und als ich bemerkte, dass es ein Teil  einer Silvesterrakete war, taten sich einige assoziative Möglichkeiten auf. Die will ich nun beim Arbeiten nutzen. Und deshalb habe ich es aufgehoben.
Man hebt ein Fundstück nie einfach so vom Boden auf.

Buchalov

Was habe ich denn da gemacht?

IMG_8731

Spontan sagte Juergen: „Was habe ich denn da gemacht?“

Wenn er so seine Holzschnitte druckt, dann gibt es den Andruck und es gibt den, so nennt er es, „Abdruck“. Der Andruck ist das erste Blatt, bei dem der Farbauftrag noch nicht die gewünschte Sättigung auf der Platte erreicht hat und wo noch einmal geprüft wird, ob Komposition und Farbwahl stimmen. Denn Juergen arbeitet immer mit dem Prinzip „der verlorenen Platte“.

Der Abdruck ist das letzte Blatt, das er druckt, damit der Druckstock schon mal vorab von der Restfarbe ein wenig gereinigt wird. Er weiss, dass dies kein Fachbegriff ist. Aber so gefällt es ihm.

Und dazu verwendet er immer Papiere aus seiner Papiersammlung, irgendein Blatt, oft eine Fotokopie, das er willkürlich greift und verwendet. Und das war auch diesmal so. Herausgekommen sei etwas, dass ihn überrascht habe, positiv, und das er dann mit Buntstift nachbearbeitet habe.

IMG_8730

Und das sei, so Jürgen, das Zentrum des Geschehens. Es gehe um den Faktor Zufall – zulassen, nicht zulassen, erkennen, nutzen, gezielt herbeiführen. Es gehe um das Situative – Wahrnehmung von Dingen im Prozess, die abweichen, sie nutzen, offen sein, die neuen Wendungen akzeptieren, mit dem Spannungsfeld von Plan und tatsächlichem Ergebnis leben. Es gehe um das Aushalten solcher Dynamiken, um die Umleitung von vermeintlichen Fehlern in Konstruktives. Und es gehe um die Zeit, sich Zeit nehmen, nachdenken, versuchen, den Prozess unterbrechen, später wieder aufnehmen, eigene Zeitsetzungen sausen lassen.

Solche Sachen halt.

Buchalov

Lasurschichten und und und

IMG_8526.jpg

Ein Netz, oder auch ein Gitter, oder ein Raster, oder eine Anhäufung von Nullen. Plötzlich sind sie da. Durch Zufall hat Juergen mitbekommen, dass ihn das beschäftigt. Sie liefen ihm während der Arbeit zu den „OrtsMarken“ über den Weg. Zum wiederholten Male.

Das vereinsamte Arbeiten im Atelier ist auch ein in sich Hineinhören, meinte Jürgen zu mir. Auch wenn die Musik auf volle Lautstärke gedreht ist und von Hintergrundmusik nicht mehr die Rede sein kann. Und beim in sich Hineinhören sei er in so einem Schwebezustand, meinte er. Und dann tauche so einiges auf. Zum Beispiel Raster, Gitter, Netze.

Hermann, der Vernetzter war da und hörte zu und schwieg, in seiner unnachahmlichen Art. Und dann ist es eben kein Schweigen mehr, sondern ein Verstehen. So jedenfalls interpretierte Juergen es. Kaffee konnten sie keinen trinken, den Juergens Kaffeemaschine hat den Geist aufgegeben. Der Geist dieser Maschine, das wäre auch ein Thema, sagte er.

Meinolf schrieb, und Juergen hat behalten, dass das alte Jahr genauso sei wie das Neue. Wir aber ändern uns, was denn sonst. Und die Veränderungen sind wie Lasurschichten, die sich auf uns ablagern und überlagern, meinte Meinolf.

img_8565 (1)

Und die Coverversionen in der Musik sind mittlerweile interessanter als die Originale, sagte Juergen zu Hermann.

Da wäre dann noch der Gedanke von dem belebten Raum, der Juergen ebenfalls, vielleicht nur kurz, beschäftigte. Der Raum als Ausstellungsraum, als Arbeitsraum, als Verkaufsraum, als Treffpunkt. Womit man dann bei seinem alten Salon wäre, dem er immer noch nachtrauert. Und der Frage, mit wem er denn gerne in diesem Jahr in seinem Atelier mal über längere Zeit gemeinsam arbeiten solle.

img_8616

Wieder hat Juergen Materialien von Peter Maschke, dem verstorbenen Kollegen, verwendet, nicht bewusst, eher zufällig. Wirklich komisch, dass er immer wieder über diesen Tod stolpert. Und sich dann immer wieder fragt, was denn wirklich bleibt. Irgendwie ist es ein schönes Gefühl, das Dinge von Peter Maschke weiterleben, nicht nur als Erinnerung, sondern in Form von Materialien in Kunstwerken oder als Ideenfragmente. Es wird etwas weitergegeben. Die Seele der Dinge? Der Geist der Dinge? Irgendwie und tröstlich , oder?

Buchalov