Die Idee, die dahinter stand war die, dass die Knickfalten ja Linien sein könnten und in ihrer Häufung vielleicht ein Netz ergeben. Und das zu erfassen und darzustellen: dies war die Aufgabe.
Ich habe ihn dabei beobachtet wie er das angestellt hat. Er hat aussortierte, gefaltete Papierobjekte wieder in den zweidimensionalen Zustand transferiert und die Linien mit dem Cutermesser herausgeschnitten. Der Zufall hat dann einen Teil übernommen, und Jürgen war derjenige, der das Gesamte anschließend bewertet hat. Das heisst konkret: Einiges landete an der Wand, der Rest im Mülleimer.
Jürgen hat drei befreundeten Künstlerinnen drei Arbeiten aus der Anfangsphase zugeschickt und darum gebeten, Hinweise zu liefern, Stellung zu nehmen.
Susanne stellte zwischen den drei Objekten einen thematischen Zusammenhang her. Sie gab den Oberflächen eine Geschichte: die vom Mars, der Raumfahrt und der Besiedlung. Für sie waren die Motive bedeutsam, die eine mögliche Geschichte erzählten.
Sigrids Hinweis war kein bildhauerischer, sondern ein bildhafter. Sie machte eindrücklich darauf aufmerksam wie stark die Faltung die Oberflächen und das Motiv dominieren, teilweise sogar zerstören. Und sie stellte die Frage nach der Funktion der Faltungen.
Eva antwortete mit einer eigenen Arbeit, die über das von Jürgen gezeigte hinausging und Teile eines Hauses in der Falttechnik des Popup zeigte – und ihn später zu solchen Faltarbeiten in einem kleinen Heftchen inspirierte, Thema “Zwickel”.
Jürgens Position ist dabei klar: es gibt das Primat der Oberfläche vor der Faltung. Die Faltung ist Technik mit dienender Funktion. Das Bild ist ihm wichtiger. Und was die Funktion anbelangt soll die Faltung die Betrachterin oder den Betrachter stutzig machen, irritieren, verunsichern.
Wenn die Oberfläche abstrakt neutral ist gilt allerdings das Primat der Faltung. Und hier seien wir dann ganz im Bereich der Bildhauerei, meinte Jürgen. Eine Faltung ohne Wirkungkönne es nicht geben. Alles habe eine Wirkung.
Gezeigt werden heute Teile der Arbeiten, die in der letzten Woche entstanden sind.
„Ist der Blick einmal geschärft“, so sagte Juergen zu mir, „dann sieht man die Faltungen im Täglichen ständig. Und das gilt ja für vieles.“ So hat er in den letzten Tagen einige Fotos mit seiner Altglaskamera in seiner privaten Umgebung geschossen, ohne das er im Atelier aktiv war. Und Falten läßt sich ja überall.
Heute im Atelier dann gab es zwei Punkte, die besonders hervorstachen: Jürgen hat versucht einige der Grundformen, die er schon an den Tagen letzte Woche gefaltet hatte, zu verdoppeln. „Der Schatten ist der Zwilling“ ließ grüßen.
Und er hat sehr bewußt aus den Restepapieren die ausgewählt, die mit ihren Oberflächen dominant und präsent daherkamen. Denn er ahnt, dass dieser Zusammenhang von Oberfläche bzw. Motiv und den Faltungen etwas Zentrales ist und über die Qualität der zukünftigen Arbeiten entscheiden wird.
Es gab aber auch ein „Aber“: Jürgen schien mir nicht so recht zufrieden, denn die Ergebnisse entsprachen nicht dem gedachten Weg, sie waren eher Zufallsergebnisse. Aber was lamentiert er denn: Jürgen setzt doch immer auf den Zufall. Das habe ich ihm dann auch gesagt.