Kategorie: Buchalovs Tagebuch

  • zweimal betroffen

    Ignorieren – oder sich stellen. Wenn es um den Tod geht, findet man immer diese beiden Postionen. Heute war ich zweimal betroffen und habe mich stellen müssen.

    Da war einmal die Beerdigung von Heinz. Heinz war zwar in einer anderen Abteilung, bei den Busfahrern, und hatte mit mit mir nichts direkt zu tun, aber wir kannten uns von früher. Die Beerdigung war anders als sonst. Klar, die Angehörigen haben wirklich getrauert. In der Kirche wurde die Messe aber nach dem alten Ritus vollzogen. Der Sarg wurde also von hinten in die Kirche geschoben, mit Fahnenträgern und so und dann vor dem Altar platziert. Bei der Predigt ging es um das Thema „Weg und Ziel“ – bietet sich für einen Katholiken ja auch an. Und erst recht, weil Heinz ja Busfahrer war. Interessant fand ich, dass der Pfarrer aus den Tiefen seines Gewandes einen Minibus als optischen Aufhänger für Heinz hervorzauberte und während seiner Predigt immer in Richtung der Kirchengemeinde hielt mit ausgetrecktem Arm.

    Unruhig gemacht hat mich das Gerede vom „Gast sein auf Erden“, von Schuld und Buße und von unsrem Erdenleben als Zwischenstation. Da ist mir die existentialistische Sichtweise unseres Lebens näher.

    Während des Gottestdienstes habe ich darüber nachgedacht, dass so ein strenger ritualer Ablauf einer Beerdigung vielleicht von manchem als nicht zeitgemäß interpretiert wird. Aber den Anghörigen, die ja einen Verlust zu verkraften haben, geben diese klaren Abläufe Sicherheit. Die haben sicherlich das Gefühl, dass Heinz in einem gordneten Verfahren in die Erde gebracht wird und das beruhigt sie bestimmt. Der letzte Weg vollzieht sich geordnet und damit würdevoll.

    Gegen Abend war ich dann Besucher der Holocaustgedenkfeier in der Alten Kirche, die von Schülern gestaltet wurde. Die Musik war einfühlsam, die Texte echte Schülertexte mit erhobenem moralischem Zeigefinger, aber gut. Das Leiden der Kinder in den KZs stand im Mittelpunkt des Nachdenkens.

    Hier begegnete mir ein Tod, der war abstrakter, ferner, geschichtlich, zwar mit schockierenden Bildern, aber irgendwie verkopft.

    Buchalov

  • Wow

    Es war dunkel, kaum Licht, die Maschine surrte und ich saß still in der Garagenecke heute nachmittag und lies mich so treiben. Dösen, ein wenig schlafen, aber nicht so richtig, das Pumpen der Schläuche spüren, nichts Großartiges, nur so dasitzen, ein bisschen denken, kein richtiges Nachdenken. Das Garagentor war zu, aber die Geräusche von draußen kamen gedämpft innen an. Wie in einer Höhle.

    Ich war zufrieden. Schön so. Für heute. Könnte immer so bleiben.

    Frank rief dann an und sagte, er sei aus Namibia und Kapstadt zurück. Wow: groß, weit, hell.

    Buchalov

  • die Schildkröte

    Beim Durchwühlen einer Bananenkiste fand ich diese Fotokopie vorgestern, nahm sie in die Hand und legte, einem inneren Impuls folgend,  den Papierfetzen auf den Schreibtisch.

    Heute kam sie mir wieder unter und ich habe voller Staunen in das Innere eines Tieres geschaut, das ich immer als geschlossen, verschlossen und als Inbegriff der Sicherheit empfunden habe. Ein geschlossenes System, das offenbar keiner knacken kann. Jetzt kann ich hineinschauen.

    Und dieses Innere ist vollkommen unspektakulär: ein Hohlraum, ein paar Knochen, Gelenke, ein Panzer, das wars. In seiner Einfachheit spannend. Vollendet. Ich sollte alles zeichnen.

    Buchalov