Druckskizzenbuch „corona notes“

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Es ist so: Ein altes Heftchen, meist von Ausstellungen, oder diverse andere Kunstkataloge, so etwas nimmt Juergen, färbt es mit Acylfarbe Seite für Seite ein, und dann druckt er mit seinen Holzschnittresten oder den Linolschnitten Motive dort hinein, Tusche kommt ebenfalls zum Einsatz und ein Panoptikum an Motiven entsteht. Zu einem Thema oder Vorhaben. Wild und ungezügelt, ohne ästhetischen Anspruch. Ohne Plan!

Damit ließe sich, wenn man wollte, weiterarbeiten. So Juergen. Das sei wie ein Skizzenbuch. Recht hat er. 

Er nennt diese Heftchen daher „Druckskizzenbuch“. Das Neueste hat er zu seinen „Corona notes“ erstellt. Hier einige Bilder aus dem Inhalt:

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die Energie

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Herumstöbern, im Atelier am Ostwall, von Raum zu Raum, fast wie getrieben, suchen, auf den Zufall bauend, in alten Papieren blätternd, sortieren, Blätter intuitiv auswählen: so erlebe ich Juergen momentan. Planvoll geht er nicht vor. Er läßt sich treiben, vertraut auf den Instinkt und die Erfahrung und verbrämt das mit dem Satz, „das er prozesshaft unterwegs sei“. Alles Quatsch: Juergen versucht da etwas in den Griff zu bekommen, Bilder zu finden, Bilder für Corona, die ihm weiterhelfen in seiner Betroffenheit. Ein Thema ist dabei „die Energie“.

 

Ich durfte wieder einen Blick in sein digitales Notizbuch werfen. Da steht, skizzenhaft:“Energien treiben uns an, in allem, mit der Krise ist ein großer Aufwand an Energien und ihrem Verbrauch verbunden, Krisenbewältigung kostet Kraft, der energetische  Kampf ist körperlich und geistig, Energie verpufft nie, sie ist ewig und verändert ihre Form und Intensität, aber nicht ihre Existenz, sie ändert die Anwesenheit an bestimmten Orten, sie ist ortsbezogen, der Lebenswille ist eine sehr starke Energie, liegen Seele und Energie nahe beieinander?“

Vier Motive als Linolschnitte sind entstanden und wurden in diesem Themenbereich auf alten, verworfenen Papieren zusammenmontiert.

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Projekt ohne Namen #44: „um sich aus der Gemengelage von Krone, Grundrechten und Kontaktsperre heraus zu graben, bedarf es….“

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Susanne schrieb: : „um sich aus der Gemengelage von Krone, Grundrechten und Kontaktsperre heraus zu graben, bedarf es….“

Das muss Juergen nun fortführen, denn er hat mit Susanne im „Projekt ohne Namen“ die Vereinbarung getroffen, dies zu tun. Und etwas Visuelles abzuliefern. Und da er ein braver Junge ist, tut er dies auch.

Diesmal gibt es zwei Bilder mit zwei Halbsätzen als Ergebnis. Warum das so ist ? Im ersten Schritt hat Juergen nach textlichen Antworten gesucht, eine Vielzahl von Möglichkeiten gefunden und die beiden unten gefielen ihm dann am Besten. Die passenden Druckstöcke fanden sich später im Atelier.

Und hier sind die Sätze:

„… einer Aktentasche, die den Plan enthält.“

„… eines Planes, den mein Nachbar, seine Frau und meine Fischverkäuferin kennen.“

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Und folgenden Halbsatz schickt Juergen nun an Susanne:

„Ein Zitronenfalter flog vorbei …“

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Kapseln und Gefäße

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Fragen, nichts als Fragen. Aber Fragen können ja, gestellt und irgendwie beantwortet, Klarheiten anbahnen, etwas klären. Das habe ich Juergen gesagt. Und er hat genickt. Im Hintergrund laufen „Passenger“ mit „to be free“.

Corona – auch da gibt es Fragen:  Womit schützen wir uns? Womit sichern und schützen wir unsere Dinge ?Gibt es den Rückzugsraum? Garantiert soziale Isolation wirklich Schutz? Bringen Abschottung und Isolation den erhofften Zugewinn? Was macht das Abkapseln mit uns? Solche Fragen halt.

Das dazugehörige Motiv bei Juergen ist „das Gefäß, die Kapsel“. An ihm kann er solche Fragen gut festmachen. Das Thema mit diesem Motiv war schon einmal bei ihm auf dem Schirm. Da trug es den Titel „Latos Kapseln“, 2018. Siehe hier: >>> [ _____] <<<<

Und das hier solltet ihr Euch auch anschauen, Stoff für mehrere Tage, das Neueste zum Thema halt:

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Und jetzt nur noch das Positive!

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„Und jetzt nur noch das Positive“, sagte Jürgen. Ein – wie ich finde – guter Vorsatz, aber das geht so ganz einfach nicht, weil die Krise  immer noch übermächtig um uns herumwirbelt: die Zahlen, die Berichte, die Unruhe in uns, das Warten in Schlangen, die fehlenden Umarmungen, die Hoffnung auf den alten Zustand, den es nie mehr geben wird- Stichwort Transformation-, die finanziellen Engpässe  und und und. Ich habe ihm gesagt, dass das also so einfach nicht sei.

Dann wenigstens ab und an etwas Positives. Das wäre vielleicht machbar. Meinte er. Ich denke, das geht.

Daher also heute mal ein kleiner Text – ein Versuchstext – von Juergen aus der Schreibwerkstatt mit Jutta Reichelt:

„Ich erinnere mich, wie ich innehielt, mitten in der Bewegung.“ (Eugen Ruge Cabo de Gata)
Robin, Du Winzingling,
So nahe an meinem Fuß sitzt Du
Dir geht es wohl um das Futter
mir um was anderes
Deine kleine, rote Vogelbrust leuchtet.

Oder dieses Bild:

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Und das hier geht auch, ein Rezept: Madeleines

Zutaten:

4 Eier

170g Zucker

170g Mehl

2 TL Backpulver

1 Messerspitze Zimt

1 Miniprise Salz

175g Butter + etwas Butter zum Einfetten der Madeleines-Form

Zubereitung:

Die Mulden der Madeleinesform gut mit weicher Butter auskleiden. Ofen auf 180°C Ober- und Unterhitze vorheizen.

Butter schmelzen lassen und abkühlen.

Eier und Zucker ca. 5 Minuten lang schaumig mixen.

Mehl, Backpulver, Zimt und Salz erst mischen, dann sieben und bei langsamem Mix-Tempo zur Eier-Zucker-Mischung hinzufügen.

Butter hinzufügen und verrühren. Teig dann in die Madeleines-Form füllen und ca. 11 Minuten lang backen. Man sieht, daß die Madeleines fertig sind, wenn der Rand leicht braun wird. Besser 25-30 Minuten, wenn sie in der Muffinform gebacken werden.

Vorsichtig aus den Mulden holen und mit Puderzucker bestäuben.

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Die Krone

Es geht darum zu begreifen und im Begreifen eine Form des Umgangs zu finden: Kunst als Psychohygiene. „Corona“ läßt Juergen nicht los, und er hat es jetzt angenommen, so mein Eindruck, und stellt sich dem. Corona ist, neben anderen Themen,  zu einem/ seinem Thema geworden – auch zu Ostern.

Das Motiv der Krone ist momentan eines seiner zentralen Motive. Was dahinter steht ist Folgendes, so meine Vermutung: er versucht Bilder für eine Situation zu finden, die alles Leben, das private, öffentliche, politische, gesellschaftliche, religiöse, kulturelle und und und, bestimmt und dominiert.

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Juergen hat mir sein textliches Skizzenbuch gezeigt. Darin steht in Bruchstücken Folgendes:

Die Krone: ein Bezug zum Namen „Corona“ besteht. Der Mensch ist die Krone der Schöpfung, so sagt man. Das ist natürlich Quatsch. Der Mensch bekommt durch die Natur seine Grenzen aufgezeigt. Die Krone, der Kranz, als Siegerkranz. Die Krone als symbolischer Gegenstand für das Hervorheben von Menschen oder deren Handlungen, für den besonderen Menschen. Wird er sich hervorheben und die Krise bewältigen?

Da noch ein paar Linolschnittplatten im Atelier herumlagen, hat er diese genommen und losgelegt.

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da hat sich einiges an Druckstöcken angesammelt

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Da hat sich einiges an Druckstöcken angesammelt.

Im Atelier arbeitet Juergen momentan alleine. Alle Ateliermitglieder scheinen sich in Luft aufgelöst zu haben. Nur ich bin an seiner Seite. Und während ich in der Ecke seines Raumes sitze, Kaffee trinke und in den Kunstmagazinen blättere, schneidet Juergen an kleinen Linolschnitten herum. Vier Motive hat er im Focus: die Krone, den Titanen Atlas, diverse Gefäße oder Kapseln und das Boot.

Ohne Vorzeichnung variiert er da so einiges. Und schneidet. Und sortiert. Und arrangiert auf seinem Arbeitstisch. In er Vergangenheit ergab sich dann meist etwas, eine Idee, ein Hinweis, ein Weg. Wie das nachher alles zusammenpasse wisse er noch nicht. Deshalb schiebt er hin und her. Er hoffe auf den Zufall und eine Eingebung.

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Bilder

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Narratives, Symbole, Symbole überhaupt, oder Bilder für das, was geschieht, oder Einzelmotive, die weiter tragen: das wollen wir momentan in dieser schwierigen Zeit. Meinte Juergen. Warum, das wäre noch zu klären.

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Juergen erinnerte sich und meinte:

Da stehe der alte Papst alleine auf dem Petersplatz vor leeren Rängen im strömenden Regen und spreche den weltweiten Segen. Was für ein Bild.

Da liegen die am Beatmungsgerät hängenden Menschen auf dem Bauch in ihren Betten, eng an eng, das Gesicht in die Laken gedrückt: was für ein Bild.

Da zieht eine wilde Ziegenherde durch ein menschenleeres Dorf in Wales.

Da schaut dich jemand an, den Mundschutz bis unter die Augen gezogen, das Gesicht ist zur Stofffläche geworden, nichts persönliches ist mehr erkennbar. 

Da werden Tote auf einem Gabelstapler in Gefriercontainer verfrachtet. Was für ein Bild.

Jürgen weiß um die Macht der Bilder, um ihre beabsichtigten oder unbeabsichtigten Wirkungen. Und er habe nur die Motive vom „Titanen Atlas“, diesen seltsamen Behältern, den Königs-Kronen und ein paar Booten.

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Es bleibe dabei: zeichnen und drucken und fotografieren und lesen führe zur Klärung, mache den Kopf klar und kanalisiere das, was in der Pandemie so unfassbar sei – von der Verzweifelung, den Zweifeln, den Verschwörungstheorien bis hin zum Blick auf die Weidenkätzchen. Ab sofort, so sagte Juergen mir, werde er alle zukünftigen Arbeiten in diesem Zusammenhang, andere Arbeiten wird es sicher auch geben, unter dem Arbeitstitel “corona notes” laufen lassen. Er wolle einfach freier arbeiten – nicht so eng an diesem momentan alles bestimmenden Thema und den Bogen dabei einfach zeichnerisch und drucktechnisch, auch fotografisch, weiter schlagen – Irrweg und Zufall mit eingeschlossen. Alles, was bisher in diesem thematischen Zusammenhang entstanden ist, auch seine Tagebuchzeichnungen von Tag 1 bis 14, werde er dort natürlich subsumieren. Am Ende stehe dann vielleicht etwas mehr Klarheit und ein selbstgebundenes Buch. Oder seine Wand im Atelier – neu gestaltet. Mal schauen!

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P.S. Und andere Themen gibt es ja auch noch zuhauf, zum Glück!