Kunst kostet

Ich war bei Juergen. Um 18 Uhr endete sein Projekt „Kunst kostet“, im Rahmen der „Offenen Ateliers in Geldern“, und er hat mir sogleich ein kurzes Fazit, spontan und ungefiltert, gegeben. Zwanzig Euro waren zu zahlen, um sein „Atelier Zelle k4“ betreten zu dürfen und man konnte dafür den Raum besichtigen und eine der vielen ausgelegten Arbeiten mitnehmen. Zu jeder vollen Stunde war für zehn Minuten der Eintritt frei – preview.

1. Keiner habe das Entgelt gezahlt, sagte Juergen. Niemand war bereit für die Besichtigung inclusive Kunstwerk Geld auszugeben. Man hatte entweder kein Geld dabei, wollte einfach nicht, war nicht bereit den Wundertüteneffekt zu versuchen oder sah einfach nicht ein, für Kunst etwas aufwenden zu müssen. Man wollte einen inspirierten Sonntag Nachmittag erleben – mehr halt nicht. Einige fühlten sich in der Konfrontation mit den Besuchsbedingungen auch deutlich unwohl. Diskussionen über die Sinnhaftigkeit gab es über die von Juergen gesetzten Bedingungen mit den Besuchern allerdings nicht. Gespräche seien in derRegel von ihm selbst initiiert worden.

2. Viele hätten die Handzettel oder die Informationen an der Wand nicht bzw. nur flüchtig gelesen. Einige seien auch schon im Treppenhaus umgekehrt, weil sie die Überschrift „Kunst kostet“ auf dem Hinweisschild gelesen hätten – ohne aber weiter zu lesen.

3. In den zehn Minuten des freien Eintritts habe es nie Probleme gegeben. Das Angebot hätten die Besucher gerne genutzt, man habe aber zehn Minuten Verweildauer als zu kurz empfunden. Und während des freien Eintritts, dies sagte Juergen mit Verwunderung,  habe er dann doch verkauft. In diesen zehn Minuten seien alle seine Verkäufe erfolgt. Da habe er sein Geld eingenommen.

4. Juergen sagte auch, er habe sich bei den Besuchen seiner Kunstfreunde und einiger guter Bekannter sehr schwer getan. Er habe es nicht übers Herz gebracht, von diesen zwanzig Euro Entgelt zu nehmen. Bilder zu tauschen liege ihm da näher.

5. Die Menschen seien total verunsichert bei der Frage, was Kunst sei und was gute Kunst sei. „Wann entscheiden sie sich denn für ein Bild?“, habe er manchmal gefragt und man habe immer geantwortet, dass das Bild einem gefallen müsse. Und bei Nachfrage sagten sie, dass sie nach Gefühl entscheiden würden, aus dem Bauch heraus.

6. Mit ihm habe die Aktion auch etwas gemacht. Sie habe ihm gezeigt, dass das Problem des „wie verkaufe ich erfolgreich zu einem gerechten Preis“ noch lange nicht gelöst sei und er sich eine Strategie überlegen müsse.  Der Warencharakter seiner Kunst sei ihm nun wieder einmal ganz nahe gekommen und die bisherige Praxis müsse er verändern.

Beim Rausgehen haben Juergen, Boris der Maler und Rudolf der Bildhauer noch heftig über die zwei Tage und Juergens Aktion gefachsimpelt. Es fielen Stichworte wie „Schmerzgrenze, Galeristenfaktor zur Berechnung des Bildwertes, Schnäppchenmarkt, gerechter Preis, Marktpreis, Künstler arbeiten für lau, Drucksituation, Konsequenzen“ und mehr. Die Aktion hatte sie scheinbar sehr sensibilisiert.

Ich habe da erst einmal geschwiegen.

Buchalov

For my english friends:

Juergen told me immediately after finishing his project „art costs“, as part of the „open studios in Geldern“ on this weekend, what he was thinking about it all – a short conclusion, spontaneous and unfiltered given. The visitors hat twenty Euros to pay: than they could visit Juergens studio, it was allowed to go to see the area and to take one of the many designed works. At the beginning of the hour – for ten minutes – the admission was free – preview.

39 Gedanken zu „Kunst kostet

  1. Es hat wirklich niemand für zwanzig Euro das Atelier besichtigt, inklusive Kunstwerk? Unglaublich. Die Bilder in den zehn Minuten Preview, die hast du dann sicher für mehr als 20 € verkauft, oder? Irgendwie seltsam…
    Aber wirklich ein spannender Ansatz! Ich glaube, in meiner Situation als Berufseinsteiger hätte ich die Chance genutzt, für 20€ ein Bild frei wählen zu dürfen… 😉

    Viele Grüße Ute

    • Tja, man glaubt es nicht, aber es war schon verwirrend und ungewöhnlich. Die ausgelegten Werke waren natürlich in der Regel keine der A-Kategorie, aber dennoch immer noch gut. Ich werde wohl noch einige Nächte darüber schlafen müssen bis ich das alles sortiert habe und weiß, wie ich damit umgehen soll. Vielleicht sollte man auf den Tauschhandel umsteigen.
      LG Juergen

      • Nun gut, meistens ist es glaube ich so, dass diejenigen, die Kunst kaufen wollen auch einen entsprechenden Preis dafür zahlen möchten. Damit die Kunst dann auch den entsprechenden „Wert“ hat. Ob sie es sonst nicht hat ist natürlich Ansichtssache…

      • Die Wertigkeit eines Werkes ist immer ein Thema zwischen uns in der Ateliergemeinschaft. Da gibt es den geschätzten Wert aus der Bedeutung der geleisteten Arbeit heraus. Da gibt es den gefühlten Verkaufswert, der versucht, nahe am tatsächlichen Verkaufswert zu liegen. Da gibt es den nach einer Galeristenformel berechneten Wert. Der untere Wert ist der, wo die Schmerzgrenze des Künstlers liegt und der nicht unterschritten werden kann.Auch von einem gerechten Wert reden wir bisweilen.Usw.
        Wir, ich haben das einfach nicht klar.Ich weiß auch noch nicht, wo das die richtige Strategie liegt.
        LG Juergen

      • Ja, dass stimmt, es ist nicht so leicht. Ich habe mich da so schrittweise meinem jetzigen Verkaufspreis angenähert, der von den Meisten so akzeptiert wird und auch für mich mit Galeristenprovision noch akzeptabel ist.
        Und wenn jemand kommt und meint, Druckgrafik müsse günstiger sein, dann muss ich ihn enttäuschen, denn meine Arbeit liegt ja nicht nur in der Herstellung dieses einen Blattes sondern auch in der ganzen Ausbildung, der Vorbereitung, der Skizzen, der Öffentlichkeitsarbeit, der geistigen Ausseinandersetzung, stetiger Motivation und Buchhaltungszeugs… Und das alles hat nunmal seinen Wert.

        Lg Ute

    • Hallo Susanne!
      Das ist nicht traurig. Mir war ja nicht daran gelegen Geld zu verdienen oder Werke zum Schnäppchenpreis zu verkaufen, sondern mir ging es darum, dieses konsumierende Verhalten -ohne Gegenleistung Kunst und Künstlerdasein im Atelier zu konsumieren – und diesen mangelhaften Dialog der Besucher mit uns, dass ich aus den Jahren vorher kannte, diesmal nicht so hinnehmen zu wollen. Daher die Benennung von Bedingungen zum Besuch des Ateliers. Daher der Versuch des Dialogs.
      Das ist nicht traurig, dass ist einfach so.
      Gruss Juergen

      • Es geht mir ja auch genau darum, Jürgen.
        Aber auch um den Verkauf.
        Um Beides.
        Der Verkauf gehört zur Kunst dazu.

        Du hast studiert, gearbeitet und arbeitest immer noch, setzt dich jeden Tag mit der Kunst auseinander. Hast Betriebskosten, Verbrauchskosten, Arbeitskosten…
        Das ist eine Leistung, die 20€ wert ist, noch dazu wenn der Konsument dann auch noch mit einem Kunstwerk nach hause zu gehen kann.

        Das die Besucher verunsichert bei der Frage was Kunst ist, ist völlig klar.
        Der Physiker zeigt uns ja auch keine Formel aus seiner Diplomarbeit und fragt seine Laeienbesucher, was die Formel bedeutet. Von der Seite betrachte ich die Kunstfrage noch nicht lange. Erst seit ich Kurse an der Uni zum Thema Kunstgeschichte besuche, wird mein Denkprozeß in die eine oder andere Richtung neu angestossen. Da wird in 6 bis 8 Jahren den Studenten die Kunstgeschichte näher gebracht und wir denken, wir können unseren Besuchern in 10 Minuten erklären was Kunst ist? Der Physiker denkt das nicht.

        Die Beschäftigung mit der Moderne und Postmoderne, die Epoche, in der wir uns nun gerade befinden, hat mir in vielen Dingen die Augen geöffnet.
        Naumann, der sagt, alles ist Kunst, was er in seinem Atelier produziert, weil er einfach Künstler ist und das Atelier der Ort, in dem Künstler Kunst herstellen…
        Serra, der mit einem einzigen Satz sein Konzept audrückt usw. usw.
        Wie wollen wir als Künstler DAS dem Laien klar machen? Und ist das auch unsere Aufgabe? Ja, oder, ich denke schon.
        Und genau diese Aufgabe hast du ja mit deiner Aktion angegriffen. Die Besucher werden es nicht so schnell vergessen und nachdenken, und sich Erinnern, wenn sie wieder eine Ausstellung besuchen.
        Ehe ich es vergesse … kannst du mir einen deiner Handzettel zusenden? Ich würde ihn gerne als Kunst von dir an die Wand hängen!

        Mein Vermieter vom Atelier möchte kein Bild als Tausch für die Miete, auch der Bäcker nicht, deshalb scheidet nur Tauschen für mich aus! Ich muss und will schon Geld für meine Arbeit nehmen.

        Was sind deine Freunde von Beruf? Würdest du den Tischler bitten, dir einen Wohnzimmerschrank umsonst zu fertigen? Nein, das geht über einen Freundschaftsdienst hinaus. Genauso geht es über einen Freundschaftsdienst hinaus, wenn du deinen Freunden Bilder schenkst. Aber du kannst ihnen einen guten Rabatt geben. Das mache ich bei Freunden so.

        Achja, der Preis wird vom Markt bestimmt. Bei mir haben die Galeristen, mit denen ich arbeite, den Preis festgelegt. Sie müssen ihre Miete bezahlen und ich meine.

        Nun lasse ich es gut sein für heute,
        Viele Grüße sendet dir Susanne

      • Hallo Susanne!
        Danke für Deinen Beitrag.
        Es ist ein langer Beitrag geworden, der im Kern die Notwendigkeit des Marktes, des Kaufens und Verkaufens von Kunst begründet – für den, der davon leben muss, mit all den Konsequenzen, die sich aus dieser nicht originären Aufgabe für den Künstler ergeben. Der dann auch mit solch einem Ergebnis wie gestern umgehen lernen muss. An dieser Stelle stehe ich und mache große Fragezeichen, ob ich das noch so will.
        Es ist ein Beitrag, der die Verunsicherung darüber, was Kunst ist, beschreibt. Diese Verunsicherung teile auch ich, weil sie mich antreibt, im positiven Sinne,und mir meine eigene künstlerische Position immer deutlicher machen kann.
        Und es es ist ein Beitrag, der den Tausch als Möglichkeit des Handelns und Verkaufens ausschließt. Da bin ich mir aber noch nicht so sicher. Ich sehe da Möglichkeiten. Da denke ich noch.
        Es ist auch ein Beitrag, dafür besonderen Dank, der mir helfen soll zu verarbeiten – ein tröstender Beitrag also.
        Einige der Handzettel sende ich Dir gerne in den nächsten Tagen zu.
        Bis bald, alles Gute
        Juergen

      • Danke, ich freue mich auf die Handzettel.
        Und ich freue mich, wenn wir „life und in Farbe“ darüber diskutieren könne.
        Grüsse von Susanne

  2. Habe ja bisher nicht Kommentiert, obwohl ich den Blog immer lese—–mit Freude lese! Aber heute geht es nicht anders, weil das objektive Scheitern des Projektes Kunst-kostet absehbar war. Ich nenne dafür einen Grund! Die ;Menschen wollen nicht direkt darauf hingewiesen werden, daß die Kunst etwas mit “Geld” zu tun hat. Sie wollen eher in dem Kinderglauben verharren, daß Idealismus und Wahrhaftigkeit zur Kunst gehört und nicht der schnöde Mammon. So ist es, daß die großen Galeristen mit ziemlich abgebrühten Methoden dem Kunstliebhaber das Geld aus der Tasche ziehen. Dabei bleibt für mich persönlich; Kunst ist nicht käuflich! Und wer meint mit Geld etwas erwerben zu können, es sich einzuverleiben, an die Wand zu hängen und mit einsamen Augen anzustarren, der betrügt sich selber. Hat jemals jemand darüber eine Statistik angefertigt ob die Leute die Kunst erwerben glücklicher geworden sind?

    • Hallo Franz!
      Es freut mich, dass Du regelmässig auf meinen Blog zugreifst.
      Für mich ist das Projekt nicht gescheitert – auch wenn so im ersten Moment klingt. Meine Einstellungen wird es verändern, ich weiß noch nicht wie, und in unserer Ateliergemeinschaft wirkt es ebenfalls nach.
      Das Geld und Kunst zusammengehören sehe ich auch so. Dies gilt für den Bereich, wo mit Kunst, aus welchen Gründen auch immer, Geld verdient werden muss. Kunst ist dort eine Ware.
      Daneben gibt es sicherlich auch den Bereich, wo das Machen von Kunst uns selbst dient, unserer Positionierung in der Welt und den sozialen Bezügen. Hier geht es um Gehalt, Ideelles, Moral, Wahrhaftigkeit, Glaube, Psychhygiene usw.
      Bisweilen überlappen sich beide.
      Und ich als Künstler muss schauen, wo ich da stehe.
      Bis bald, LG Juergen

  3. Hallo Juergen, ich finde das sehr spannend und bin wirklich neugierig, zu welchen Gedanken und Strategien es Dich in der nächsten Zeit führen wird. Liebe Grüße — Samtmut

  4. Ha, die waren alle Samstag Abends in der Kneipe, deswegen hatten die kein Geld mehr!
    Nee, Spass beiseite, das find ich schon was doof. Oder eher bemerkenswert, daß niemand die Möglichkeit zum Gespräch genutzt hat.
    Das keiner 20 Euro zahlen wollte, hm, das empfinde ich eher als normal, dolle ist des zwar nicht, aber so isses halt. Leider!
    Meine erste Frage wäre vllt. gewesen: Wieso 20 Euro? Begründe mir doch bitte diesen Preis. Dann hätte ich wohl erstmal gewartet, was Du so sagst. (selbst das hat keiner gefragt???)
    Aber nein, die Frage hätte ich nicht gestellt 🙂 Erstmal hätte ich wohl den Zettel gelesen, dann hätte ich mir bestimmt gedacht: „Wie? Da kann man sich dann auch noch n Bild aussuchen und mitnehmen? Das ist doch klasse!“
    Da denke ich vllt. ganz materialistisch, denn dann ist das mein Bild und mit dem Erwerb dieses Bildes habe ich nicht DIE Kunst gekauft, sondern das Werk und damit das Recht, dieses immer und überall zu betrachten, wann und wo ich mag (mehr aber auch nicht, aber halt auch nicht weniger).

    A-ware, B-ware, hm, das find ich jetzt eher schnick schnack, denn vllt. ist ja gerade genau dieses Bild für mich super; und das dann genau aus dem Grund, warum Du selbst eher sagst, hm, find ich jetzt nicht unbedingt eine meiner besten Arbeiten. Ist ja immer vom persönlichen Eindruck abhängig. Für den einen ist das Kunst, für den anderen halt vllt. nur sinnloses Gekritzel. Aber selbst das kann ich nur befürworten, denn genau das macht für mich auch Kunst aus. Das macht die Sache ja erst spannend, find ich.

    • Ich habe gedacht, dass so wie Du denkst, auch die Besucher denken würden. Aber so war es nicht. Was daher mal eine neue, überraschende Erfahrung, die allerdings bei mir noch nachwirkt.
      Gruss Juergen

      • Kleiner Tip, mach Dir da garnicht so n Kopp drum. Ich selbst hab auch schon Musik rausgebracht, und hab gedacht, das wird der „Renner“, war aber nix. Und damit hab ich richtig viel Schotter versemmelt! Am wichtigsten ist immer die Erfahrung an sich! Egal wie positiv, oder negativ die jetzt sein mag. Einen Fan haste ganz sicher! Als weiter! 😀
        LG Alwin

      • Ich habe da mal noch ne Frage, kann ich dir 20 Euro überweisen, du sendest mir eines der ausgelegten Kunstwerke, wenn ein Holzschnitt dabei war, gerne einen Holzschnitt und wenn ich dann mal in deine Nähe komme, dann komme ich in dein Atelier, ohne vorher meinen Obolus zu entrichten…. Also ich kaufe mir jetzt schon eine Eintrittskarte für die Zukunft!

      • Hallo Susanne!
        Das geht leider nicht mehr, denn die Ausstellung wurde von mir heute morgen abgebaut und die Bedingungen galten nur fuer ein Wochenende. Auch fuer Freunde. Da muss ich hart bleiben, weil die Bedingungen der Aktion so waren.
        Ich schlage Dir stattdessen einen Tausch vor: mit den versprochenen Handzetteln schicke ich Dir einen Holzschnitt und erhalte von Dir eine Zeichnung. Den Wert des Tausches legst Du durch die freie Wahl Deine Zeichnung fest.
        Wie wäre es damit?

        Ich finde es toll, dass ich mit meiner Grübelei zu gestern nicht alleine bin.
        Bis bald, Juergen

  5. Eine gute Idee, Jürgen, ist schon klar, dass die Aktion begrenzt war.
    Sonst ist es ja inkonsequent.
    Ich freue mich auf den Holzschnitt und die Handzettel.
    Mal schauen, wass ich in meinen Schubladen für dich finde. 🙂
    Ich denke viel über deine Aktion nach! Du stellst ja deine Fragen zur Blogparade fast vorher 🙂
    Da bin ich auf deine Blogparadenfrage gespannt, die dann nächste Woche kommt.
    Grüße von Susanne

  6. interessante versuchsanordnung. hättest alles auf video aufnehmen sollen. so wärst du mit einer gefilmten performance mit einem werk mehr herausgegangen. und .- nun ja – 20 euro sind so gut wie nichts.
    lg

  7. Hallo Jürgen,
    ich musste tatsächlich schmunzeln, weil das Ergebnis Deiner Aktion mich überhaupt nicht überrascht, ganz im Gegenteil, jedes andere Ergebnis hätte mich überrascht.
    Du entmündigst Deine Interessenten, die sich für Dich, Dein Atelier, für Deine Arbeit auf den Weg gemacht haben, und setzt sie dabei noch unter Druck … mehr kann man nicht falsch machen!
    Jeder, der mit „Kunst“ arbeitet, und die meisten, die daran interessiert sind, wissen natürlich, dass die Kunst auch Geld kostet. Das steht nicht in Frage. Aber das bedeutet eben nicht, dass der Künstler seine interessierten Besucher mit einer vorab Zahlungsaufforderung unter Druck setzen kann, wenn auch mit der Abmilderung, sich ein Stück Kunst mitnehmen zu dürfen (unabhängig vom tatsächlichen Wert dieses Kunststückchens). Der Verkauf, nicht nur von Kunst, setzt immer Freiwilligkeit voraus … und die funktioniert unter Druck nicht mehr.
    Allerdings … und nur, weil ich Deine Arbeiten kenne und schätze … hätte ich die 20 Euro gerne gezahlt, um mir anschließend einn Druck von Dir mitzunehmen 😉
    Liebe Grüße
    Dieter

    • Hallo Dieter!
      Die Frage des Drucks, der auf den Besucher ausgeübt wurde, war in den Vorgesprächen innerhalb der Ateliergemeinschaft auch ein Thema – auch ein kritisches.
      Ich sah das damals aber schon anders. Der Druck, dem die Besucher ausgesetzt sind, ist nicht anders als der, dem sie täglich im Marktgeschehen ausgesetzt sind. Und das Ergebnis am Wochenende zeigt ja auch, dass der Einzelne sich wie auf einem Markt verhält: er kauft dann eben nicht. Diese Reaktion hatte ich erwartet, nur halt nicht in dieser Totalität.

      Eine Entmündigung liegt nicht vor, denn jeder hatte weiterhin die Möglichkeit frei zu entscheiden, wie er sich verhalten wollte. Und das zeigt ja auch das Ergebnis. Die anderen Ateliers waren zudem jederzeit öffentlich zugänglich, meins halt nur in einem schmalen Zeitfenster.Die Bedingungen des Besuches wurden nur in einer Form geändert, die nicht mehr vom Besucher ausging, sondern von mir.

      Ich hatte aus den Gesprächen auch bei vielen Besuchern, nicht bei allen, den Eindruck, dass sie sich in erster Linie nicht wegen uns auf den Weg gemacht hatten, sondern weil sie für sich eine unterhaltsame Abwechslung an diesem Tag suchten: unverbindlich ein wenig Kunst schauen, eine Tasse Kaffee trinken, etwas plaudern, sich Dinge erklären lassen. Hier setzte ja bewusst meine „Störung“ des Ablaufes an. Das führte zu Irritationen und sollte zur Irritation führen.

      Ich gebe zu: den Aspekt der eingeschränkten Freiwilligkeit beim Kauf habe ich unterschätzt. Und dennoch: auch unter Druck oder vielleicht gerade dann funktioniert Verkauf hervorragend. Der Mechanismus der Verknappung von Produkten im Verkaufsgeschehen ist dafür nur ein Beispiel. Was nicht heißt, das ich das gut finde. Aber hier gehörte es halt zur Besuchsbedingung.

      Ich danke Dir gerne für die rübergebrachte Wertschätzung meiner Arbeit. Das Kompliment gebe ich gerne zurück.

      Für mich ist momentan sehr wichtig, was diese Situation mit mir und meinem Verhältnis zum Verkauf meiner Kunstwerke gemacht hat. Das beschäftigt mich wirklich und hat heute morgen im Atelier auch wieder viel Raum in unseren Gesprächen der Nachbereitung eingenommen.Mal sehen, wo ich da lande.
      Alles Gute,
      LG Juergen

      • Hallo Jürgen, ich denke seit einigen Tagen immer wieder über Dein Experiment nach. Und bin doch auch sehr im Zweifel. Der Gedanke, außer mit dem Verkauf von Arbeiten, auch noch anders Geld zu generieren, treibt mich immer wieder um. Allerdings weiß ich auch nicht, ob das jetzt das richtige Konzept war.

        Vielleicht hätte ein kleiner Eintrittsobulus genügt, statt pauschal sog. B-Ware an ein „Entgeld“ zu knüpfen? (Ich unterscheide in meiner Arbeit nicht in A- oder B-Ware. Allein diese Unterscheidung halte ich für tödlich. Bei allen Selbstzweifeln, die einen Künstler gelegentlich umtreiben: Was ich zeige, habe ich mit vollem Einsatz erarbeitet. Wenn nicht, ist es nichts & wandert in den Müll. Oder wird übermalt.)

        Auch wenn der Besucher freie Auswahl hatte – er wusste nicht, was ihn erwartet & möglicherweise hat das Konzept für die meisten die Tür nicht geöffnet, sondern verschlossen. Will man überhaupt eine Arbeit? Quasi geschenkt?

        Entweder 20 Euro & eine Arbeit von mir oder zehn Minuten Preview bei freiem Eintritt. Das klingt irgendwie auch widersprüchlich. Auch wenn Du Arbeiten verkauft hast während der Preview – das Konzept scheint nicht aufgegangen zu sein.

        Was, wenn jemand 20 Euro bezahlt & danach aber feststellt, dass ihm nichts gefällt? Gab es eine Geld-zurück-Garantie?

        Ein Ansatz, ja. Eine Idee – aber möglicherweise zu kurz gedacht?
        kenne diese Situation aus Saarbrücken. Tage der Bildenden Kunst. Mann wünscht

      • Hallo Armin!
        Es freut mich, dass Dich dieses Projekt angesprochen hat.

        Die letzten zwei Tage habe ich damit zugebracht meine „B und C Produktion“ erneut zu durchforsten. Ein geringer Teil hat es in meinem A – Bestand geschafft. Nach Jahren der Lagerung entwickelten einige Bilder doch eine so starke Kraft, dass ich sie nicht übergehen konnte. Der Rest wird vernichtet werden oder als Material für Probedrucke dienen.
        Du siehst, auch mich hat als Konsequenz aus meinem Projekt genau dieser von Dir angesprochenen Teil bewegt.
        Die Selbstzweifel sind bei mir ein Thema, sie treiben mich stark um und ich weiß, dass trotz großer Anstrengungen eben auch Dinge daneben gehen und den Ansprüchen nicht genügen.

        Dass ich das Atelier für zehn Minuten öffnete war der Situation geschuldet, dass in ganz Geldern Offene Ateliers, offene, angekündigt waren.
        Wenn ich es erneut realisieren würde, gäbe es keine Möglichkeit zur Preview und das Ganze würde den Titel „Wundertüte“ erhalten. Dann gäbe es auch keine „Geld – zurück-Garantie“. Die gibt es bei Wundertüten nämlich nicht.

        Für mich war die größte Schwachstelle die fehlenden Möglichkeiten zum freiwilligen Dialog. Da weiß ich bis heute nicht, wie ich das in dies „Versuchsanordnung“ erfolgreich einbauen könnte. Den Kunst kostet und was den Menschen dazu durch den Kopf geht, wenn sie sie sich für den Kauf oder nicht Kauf entscheiden sollen, das hätte mich mehr als interessiert. Aber zum Dialog kann man niemanden zwingen.

        Bis bald, alles Gute
        Juergen

  8. Hallo Jürgen, sehr interessantes Projekt. Aber ich denke auch, wie hausundhirschblog schreibt: vielleicht ist es etwas schwierig und „unscharf“ gedacht, Eintrittsgeld und Möglichkeit, dafür eine Arbeit mituznehmen, miteinander zu kombinieren. Wenn ich vor Ort gewesen wäre, wäre ich wohl zusammen mit meiner Freundin da gewesen. Ca veut dire: 40,- EUR für die Besichtigungsmöglichkeit Deiner Räume. Wenn wir zusammen ins Kino oder Theater gehen, kommen wir günstiger weg und wissen, was uns erwartet. Wenn ich auf den Wochenmarkt gehe, zahle ich auch nicht am Eingang 20,- EUR ohne zu wissen, ob ich was finde, was ich kaufen möchte. (Du verzeihst den Vergleich mit dem Wochenmarkt, aber es handelt sich ja hier bei Dir auch um den Versuch, den Markt zu analysieren…).
    Und der Schreck, erst einmal 40,- EUR (ich zähle erst einmal doppelt, denn es wäre nicht einer draußen geblieben und einer hätte das Vergnügen des Sehens gehabt) ausgeben zu müssen, ohne zu wissen, was einen erwartet? Schwierig. Vielleicht hätte es mit 10,- EUR besser funktioniert? Dann aber wäre eine Kombination mit dem Mitnehmen einer Arbeit nur schwer nachvollziehbar gewesen.
    In meinen Augen, die ggf. die eines unbefangenen Betrachter gewesen wären, hätte da jemand einfach ein wenig viel Eintritt verlangt.
    Kunst kostet. Andere Leistungen kosten auch, wie in den diversen Kommentaren bereits angemerkt. Ich finde es spannender, Kosten und Preise miteinander in Beziehung zu setzen: Was verdient eine Krankenschwester in einer Nachtschicht (oder eine Verkäuferin an einem verkaufsoffenen Sonntag in der Vorweihnachtszeit) und welches Honorar bekomme ich für eine lange Vogelnacht? Für einen fünfstündigen Nachmittag in einem Zeitungsverlag habe ich 1996 soviel bekommen, wie vorher in meinem Nachtportiersjob (10 Stunden Nachtarbeit) in fünf Nächten. Wieviel bekomme ich für eine Zeichnung von 23x32cm Größe?
    Hier, und nur hier, bekommt das Ganze gesellschaftliche Relevanz.
    Ich habe auch keine Ahnung, wie man das zuspitzen könnte, obwohl es natürlich Ansätze dazu gibt. Wir haben mal, ganz ganz ganz am Anfang, die Absurdität des Kunstmarktes und der künstlerischen Preisfindung etwas hilflos zu konterkarieren versucht, indem wir in einer Ausstellung Blätter hatten für 15,- DM und 10.234.678 ,- DM. Und noch nicht mal die für 15,- DM wurden verkauft. So was it.
    Schön finde ich, die leider etwas seltenen Augenblicke von Auftrags-Arbeiten: Der Preis ist abgemacht und man malt und hat das Gefühl, Geld herzustellen.
    Aber, Markt hin und her: Ist es nicht schlimm genug, dass wir uns den kapitalistischen Schuh anziehen und Geld als Maßstab annehmen?
    (Und da kommt mir eine andere Idee: Würde man das Problem nicht treffender auf den Punkt bringen, wenn man alles verschenken würde?) (Übrigens hat die Basler Kunsthalle mal sowas gemacht: Die Halle war leer, geezeigt wurde nichts, und jeder Besucher bekam, anstatt Eintritt zu bezahlen, den entsprechenden Betrag ausgehändigt und durfte sich die leeren Hallen ansehen. Ok ok, der Ausstelluns-Etat war sowieso sicher, und ob das jetzt in Logistik oder in die Besucher gesteckt wurde, war egal…aber eine umwerfend einfache und schöne Idee, fand ich damals und finde es auch noch heute)
    Und damit endet das schöne Märchen vom vielen Geld.
    Liebe Grüße
    Klaus

    • Hallo Klaus!
      Danke fuer Deinen Beitrag, der die vielen Kommentare und Einsichten der letzten Woche, denn die wurden bei mir gewonnen, ergänzt und erfreue mich nun an der Musik, die im Hintergrund läuft: „Money“ von Pink Floyd, den Beatles und Abba, und „Money for nothing“ von den Dire Straits.
      Jetzt lasse ich das mal „sacken“,
      schönes Wochenende,
      Juergen

  9. Sehr passende Musik. Hat mich grade zum Lächeln gebracht. Und bei Lächeln ist man schnell in Japan, wo im 20. Jahrhundert einer meiner künstlerischen „Helden“ lebte: der Kalligraph Innoue Yu Ichi, der sein Leben lang als Grundschullehrer arbeitete, um in Ruhe seine Kunst machen zu können und sogar auf einer der ersten documenten zu sehen war. Von ihm stammt der Spruch: „Alle wollen nur Geld haben. Ich auch.“ (Oder so ähnlich jedenfalls). Und ein anderer Spruch, vielleicht sogar zu Deiner Wochen-Frage passend: „Soundsoviele Jahre (weiss nicht mehr genau, wann in seinem Leben er das gesagt hat; er war schon etwas älter) habe ich meinen Pinsel bewegt, und wenn mich jemand fragt, was die Kunst sei, so muss ich sagen: Ich weiß es nicht.“ Hat mich immer sehr beeindruckt. Liebe Grüße!

    • Hallo Klaus!
      Dein Beitrag gefällt mir, weil er mit einem Augenzwinkern dieses Thema “ Kunst kostet“ und „was ist Kunst“ weiter umkreist. Beide Sprüche gefallen mir. Es wird seine Abgründe haben.
      LG Juergen

  10. Es ist da!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Hallo Jürgen,
    vielen, vielen Dank für den tollen Holzschnitt und die Flyer und Postkarten.
    Ich habe mich sehr darüber gefreut.
    In Facebook schrieb ich heute Morgen, dass ich ein Paket von der Post abholen muss… es war das Paket von dir.
    Der Holzschnitt gefällt mir ausgesprochen gut, ich finde, er kommuniziert sehr gut mit den anderen Arbeiten meiner Sammlung!
    Gleich gehe ich ins Atelier und werde schauen, was ich dir zurück sende.
    Einen schönen Abend, lg Susanne

    • Ja, liebe Sabine, die Aktion war damals ein richtiger Flop. Am ärgerlichsten waren aber einige Kommentare von Künstlerfreunden, die das so vorausgesehen hatten. Wie sie behaupteten.
      Die Erfahrungen aus dieser Aktion haben bei mir u.a. dazu geführt, dass ich ein ausgesprochen distanziertes Verhältnis zum Kauf von Kunstwerken entwickelt habe. Als Thema taucht es immer wieder auf – Thema „Tausch“- , ein Zeichen, dass dieses Thema bei mir noch nicht abgeschlossen ist.
      Liebe Grüße Juergen

      • Lieber Jürgen,
        ich kann die Gefühle nachvollziehen. Es ist schade, dass kreative Arbeit in seinem Wert nicht anerkannt wird.
        Interessierte gibt es, aber Geld dafür ausgeben? Man gibt für sovielmal andere Dinge Geld aus, aber bei Kunst ist so ein „innehalten – nein“.
        Schau in Möbelhäusern, da gibt es in der Abteilung Bilder zig Vervielfältigungen zu einen 🍏 und 🐔Ei. Habe bewusst diese Symbole eingesetzt, denn dieser Umgang mit den Smileys wird das ganze noch verschärfen.
        Wir müssen optimistisch sein, vielleicht ändert sich auch der Trend. LG Sabine

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s